In
den Städten der Extremadura sieht man sie oft
abends mit einem Stück Käse und einem Baguette
auf einem Platz sitzen und den Kindern beim Spielen
oder dem Sonnenuntergang zuschauen. In Merida liegen
sie oft am Ufer des Guadiana im Gras und schlafen,
oder mit dem Rücken an einen Baum gelehnt dösen.
Es sind auch immer die Pilger der Silberstraße, die
stehen bleiben, wenn in Caceres auf der Plaza Mayor
ein
Straßenmusiker
spielt. Bei all dem sehen die Pilger der Vía
de la Plata ein wenig zufriedener aus als die Ladenbesitzer,
Bedienungen und Kleinfamilien am Eisstand. Man sieht
ihnen an, dass sie ihr Leben für einige Wochen
bewusst verlangsamt haben und dass ihnen dies gut
tut.
Die beiden Kanadierinnen Ros und ihre Tochter Laura
Chisholm etwa genießen jeden Tag ihrer Pilgerschaftauf
der Silberstraße, auch wenn Laura schon seit Tagen
mit Blasen an den Füßen zu Kämpfen
hat. Warum sie hier sind? Schuld war ein Abendessen
bei
Freunden,
sagt
Ros. Freunde, die schon mal hier in der Extremadura
waren, haben ihnen die Silberstraße empfohlen. Mutter
und Tochter sind der Empfehlung gefolgt.
Laura und Ros sind zwei von 5.104 Pilgern, die im Jahr
2008 auf der Vía de la Plata nach Santiago gepilgert
sind, 1.500 Pilger mehr als nur zwei Jahre zuvor. Die
enorme Zunahme auf der Silberstraße, dem südlichen
Jakobsweg, liegt vor allem an der Überfüllung
des nördlichen
Jakobswegs, auf dem man sich als Pilger oft nicht sicher
sein kann, ob man am Abend noch einen Platz in der
Albergue bekommt oder in ein Hotel umziehen muss. Das
Pilgern kehrt in der Extremadura zurück zu seiner
ursprünglichen Bedeutung. In der Extremadura gibt
es zwar weniger Pilgerherbergen als auf dem Jakobsweg
im Norden. „Doch genau dies“, schreibt
Cordula Rabe in ihrem preisgekrönten Wanderführer, „macht
die Wanderung auf der Silberstraße im Vergleich zum
verhältnismäßig
durchorganisierten, kommerzialisierten Camino francés
zu einem sehr eindringlichen und ursprünglichen
Erlebnis, bei dem der Kontakt mit der Natur in den
meist dünn besiedelten Regionen, mit den jahrhundertealten
Spuren der Vergangenheit und nicht zuletzt die Begegnung
mit sich selbst im Vordergrund stehen.“
Ganz allein muss keiner bleiben. Jeder Pilger, den man auf der Vía de la Plata trifft, erzählt Geschichten vom tagelangen Wandern mit vorher unbekannten Menschen, die zu Freunden geworden sind, von Zufallsbekanntschaften, die als Gefährten hunderte von Kilometern lang den Weg und das einfache Leben teilen. Die Chance, dass einer der Begleiter auch deutsch spricht, ist gar nicht so gering. Die deutschen Jakobusgesellschaften stellten 2008 rund 22.000 Pilgerausweise an Menschen aus, die sich auf den Weg nach Santiago machten. Die meisten von ihnen setzten ihren Traum auch um. 15.764 deutsche Pilger ließen sich an der Basilika ihre Pilgerurkunde aushändigen. Damit bilden unsere Landsleute nach den Spaniern die größte Pilgergruppe – und das nicht erst seit Hape Kerkelings Pilgerbericht „Ich bin dann mal weg“.
Da die Strecke der Silberstraße viele Jahrhunderte
lang die wichtigste Nord-Süd-Verbindung im Westen
der iberischen Halbinsel darstellte, befinden sich
nahezu
alle größeren
Orte der Extremadura an der Vía de la Plata.
Die erste Stadt an der Vía de la Plata im Süden
ist Zafra, die speziell für Pilger sehr gut geeignet
ist. In Zafra findet jeder Pilger eine Palme nur für
sich allein, unter die er sich auf einer der vielen
Grünflächen der Innenstadt legen kann. Drei
Etappen weiter erwartet ihn mit Merida die Hauptstadt
der Extremadura und alle Möglichkeiten, kurz ins
Luxusleben zurückzukehren, ins Kino zu gehen,
Fotos und E-Mails zu verschicken und am Guadiana bei
einer guten Flasche vino tinto ins Pilgertagebuch zu
notieren: „Schon mehr als ein Viertel der Silberstraße
ist geschafft.“ Über
Caceres, mit ihren vielen Bars, Studentenkneipen, Buchläden
und Cafés die urbanste Stadt der Extremadura,
geht es hinauf in den Norden bis nach Baños
de Montemayor am nördlichen Ende der Extremadura.
Baños de Montemayor ist eines der ältesten
Heilbäder Spaniens und deshalb wie geschaffen
auch für die Pilger auf der Silberstraße. Wer
es bis Baños
geschafft hat, dem stecken bereits 525 Kilometer seit
dem Start
in Sevilla und alle 13 Extremadura-Etappen in den Knochen.
Der kann hier seine geschundenen Füße kurieren
und ein ausgiebiges Bad nehmen. Wer weiß, wann
sich dazu wieder eine Gelegenheit bietet.
Es gibt zwei Zeichen, die dem Pilger auf der Vía
de la Plata Orientierung geben. Das erste ist die Jakobsmuschel
als Wegmarke. Wo sie auftaucht, ist der Pilger auf
der Silberstraße richtig. An einigen Häuserwänden
oder auf Holzpfosten findet sich auch nur ein gelber
Fleck
oder
Pfeil, der
die Muschel ersetzt. Das zweite Zeichen heißt „Albergue“.
Darauf richten sich alle Hoffnungen und Wünsche
des Pilgers, wenn er abends müde und ausgezehrt
am Etappenziel ankommt. Wenn er es irgendwo entdeckt
hat, folgt er ihm treu entlang der Silberstraße, bis
er ankommt und der Herbergsvater oder die Herbergsmutter
ihn im
Empfang
nimmt. Das erste
Ritual besteht dann darin, dass der Pilger seinen Pilgerausweis
auf den Tresen der Herberge legt und der Herbergsvater
den Stempel seiner Albergue auf das Papier drückt.
Dann weist er dem Pilger einen Schlafplatz zu und stellt
ihn den anderen Gästen vor. Jetzt finden die Pilger,
die allein unterwegs sind, Menschen, mit denen sie
sich austauschen können und die ihnen ein Blasenpflaster
und neue Zuversicht schenken. Die Schlafenszeiten beginnen
früh und enden auch beizeiten. Pilger gewöhnen
sich mit der Zeit daran, dem Rhythmus der Natur zu
folgen. Vor dem Aufbruch gehört es zur guten Sitte,
sich in das Gästebuch der Herberge einzutragen.
Und wer die Gelegenheit hat, einen Blick in ein solches
Buch zu werfen, sollte sie nutzen. Es finden sich hunderte
verschiedene Einträge von Menschen des ganzen
Globus, oft mit Zeichnungen verziert, die aus den kleinen „Albergues“ auf
der Silberstraße in
der Extremadura Treffpunkte der großen weiten
Welt machen.
Es lohnt sich, die Pilgerherbergen auch dann zu besuchen, wenn man selbst nicht pilgern kann. Die Pilger aus aller Herren Länder sprechen gerne über ihre Erfahrungen und erzählen, was sie dazu bewogen hat, Wochen lang auf fast alles, was das Leben erleichtert, zu verzichten. Vielleicht regt sich bei einem der Gespräche der Wunsch nach der großen Pilgerschaft nach Santiago.
Ein Holländer von vielleicht sechzig Jahren ist
seit Wochen allein mit dem Fahrrad von Sevilla nach
Santiago unterwegs. Er berichtet bei einer kurzen Rast
in Monfrague, dass er schon zum zweiten Mal einfach
raus musste. Deswegen ist er erst auf dem nördlichen
und jetzt auf dem südlichen Jakobsweg nach Santiago
gefahren. Die schöne Muschel an der Lenkertasche
weist ihn aus als Pilger auf dem Weg zur Basilika in
Galicien.
In den Herberge Torremejia, einem Dorf etwa 15 Kilometer
südlich von Merida, sitzt Martin Schweikl aus
Burghausen. Der freundliche Oberbayer ist unterwegs
auf der Silberstraße, weil er Zeit hat und diese sinnvoll
verbringen wollte. Heute ist er allein unterwegs. Doch
die übrigen
Tage pilgerte er zusammen mit einem Australier, den
er allerdings wegen Fußbeschwerden zurücklassen
musste. Die Pilgerherberge in Torremejia beherbergt
nicht nur Pilger, sondern mit dem „Palacio de
Lastra“ im Erdgeschoss auch ein kleines Café.
Laura und Ros Cisholm aus Vancouver in Kanada wollten
als Mutter und Tochter etwas Großes miteinander
erleben und sind der Empfehlung eines Freundes gefolgt.
Sie übernachten in der Albergue von Aljucén,
das einen Tagesmarsch auf der Silberstraße von Merida
in nördlicher
Richtung liegt. Abends gehen sie Essen in dem wunderschön
eingerichteten Landhaus „La Bovéda“,
das von zwei Schwestern betrieben wird und dessen Garten
voll ist von Kunstwerken verschiedenster Art. Ab dem
nächsten Tag werden die beiden wieder im Zeichen
der Jakobsmuschel auf dem Silberweg unterwegs sein.
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