In
den Ritzen der steinernen Brücke, die den Fluss
Guadiana im Herzen von Merida überquert, wächst
ein wenig Moos. Doch die kleinen grünen Moosflächen
sind das einzige Zeichen ihres hohen Alters, denn
die Brücke sieht völlig intakt aus und diente
den Bewohnern und Politikern der Hauptstadt bis in
die 90er Jahre als Fußgänger-Brücke.
Dieser gute Zustand verwirrt, vor allem, weil man
es anders kennt. Die römischen Ruinen auf dem
Forum Romanum in Rom stehen zu ihrer langen Vergangenheit
und zeigen deutliche Verfallsspuren. Und selbst die
gut erhaltene Porta Nigra in Trier, das wie Merida
um 30 vor Christus entstand, verheimlicht ihr Greisenalter
nicht. Anders die puente romano in Merida. Sie weigert
sich, Altersspuren zu zeigen, als solle jeder Besucher
daran erinnert werden, dass Merida einst eine Stadt
des Römischen Weltreichs und Alterssitz für
abertausende römische Legionäre war, die
sich ganz in den Westen Europas vorgekämpft hatten.
Viele Besucher haben in Merida den Eindruck lebendiger
Geschichte direkt in der Stadt, nicht nur beim Anblick
der Brücke. Wenn man die antiken Ausgrabungsstätten
besucht, spürt man diesen Merida-Effekt besonders
deutlich. Der Weg zum Amphitheater und römischen
Theater führt von der Plaza de Espana, dem Zentrum
Meridas mit einem wundervollen Rathaus aus dem 19.
Jahrhundert, in die schattige Calle de Santa Eulalia
hinein und, auf dem kleinen Hügel oben angekommen,
an zahlreichen Souvenirläden vorbei. Die Ausgrabungsstätten
stehen voll südländischer Bäume, durch
deren Kronen Scharen von Vögeln fliegen. Das
römische Theater, in dem tagsüber immer
Touristengruppen mit der römischen Architektur
vertraut gemacht werden, wirkt am eindrucksvollsten,
wenn nicht viele Menschen den Blick in die Vergangenheit
verstellen, wenn man frei auf die Bühne sehen
kann. Zwar fehlen einigen Säulen die Kapitelle
und an manchen Stellen das Fries, hinter der linken
Säulenreihe noch dazu die Rückwand. Dass
viele der römischen Figuren einmal einen Kopf
trugen, muss man sich dagegen erst wieder in Erinnerung
rufen. Die Kaiserfiguren wurden übrigens ohne
Kopf gemeißelt. Wenn ein Kaiser starb, brauchte
man so nur den Kopf, nicht die ganze Statue zu erneuern.
Der Bühnenraum ist umrahmt von einem Bühnenhaus,
das 17 Meter hoch emporragt. Der immer noch bestens
erhaltene Marmor stammt aus Portugal. Genau hier standen
vor 2000 Jahren Schauspieler, die Komödien für
die römischen Legionäre aufführten,
die es sich im weiten Rund des Zuschauerraums gemütlich
gemacht hatten. Merida war eigens für sie, für
die Soldaten des römischen Reichs, errichtet
worden. Hier sollten sie bleiben und so dem Weltreich
einen Standort im Westen sichern. Das römische
Theater steht noch so da, als wären erst vor
einigen Jahrzehnten die letzten Legionäre von
hier abgezogen. Jederzeit könnten hier wieder
Schauspieler auf die Bühne treten und ihre Verse
deklamieren – und genau das geschieht. Den ganzen
Sommer wird das römische Theater als das genutzt,
was es ist: als Spielstätte für Theater,
Oper, Konzerte und zeitgenössischen Tanz. Damit
unterscheidet es sich von den meisten anderen römischen
Theatern, die von Lateinlehrern und Schülern
bespielt werden, aber nicht von Schauspielern, Sängern,
Musikern und ihrem Publikum.
Von Ende Juni bis Ende August finden hier bis zu 5.500
Zuschauer Platz und erleben Vorstellungen, die sich
schon seit Jahrzehnten durch ihre besondere Experimentierfreude
auszeichnen. Das Festival de Merida ist vergleichbar
mit dem Opernfestival Verona, das alljährlich
im Amphitheater der norditalienischen Stadt stattfindet.
Nur sind die Wege in Merida kürzer, und das Festival
wirkt familiärer und gemütlicher. Wer tagsüber
während der Festivalmonate auf der Plaza Espana
einen café con leche trinkt, steht vielleicht
neben einem der Opernsänger oder sieht über
den Platz eine Gruppe von Tänzern huschen, die
für die letzte Probe zum Theater auf dem Hügel
im Norden der Innenstadt eilen.
Die Vorgänger dieser Tänzer in der Antike
trugen auf der Bühne Masken, die sie erst zu
Darstellern machten. Einige wertvolle Exemplare sind
im Museum für römische Kunst ausgestellt.
Das größte und am meisten beachtete Museum
der Extremadura wurde erst 1987 erbaut. Damals feierte
Merida bereits sein 2000-jähriges Bestehen. Der
Kunst- und Bauschatz der römischen Provinz Lusitanien
wurde nicht in das Museum hineinverlegt, sondern umgekehrt
das Museum um die Originale herum konstruiert. Das
bestehende Aquädukt ragt von außen in die
riesigen Hallen des Museums hinein und römische
Straßenpflaster bilden den Fußboden. Das
gesamte Areal von römischen Spielstätten
und Museum zählt seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Ähnlich beeindruckend wie das römische Aquädukt
in Merida ist die römische Brücke von Alcantara.
Sie überquert den Tajo westlich von Caceres,
nicht weit von der portugiesischen Grenze entfernt.
Die Brücke von Alcantara ist die mit Abstand
am besten erhaltene Brücke aus der römischen
Kaiserzeit und auch ohne diesen Superlativ ein atemberaubendes
Bauwerk. Der acht Meter breite Weg auf der Brücke
erhebt sich 50 Meter über dem Flussbett. Die
sechs Bögen sind bis zu 30 Meter breit. Die gewaltigen
Ausmaße der Brücke vermitteln dem Besucher
eine Vorstellung vom Größenwahn des römischen
Kaisers Trajan, der die Brücke zur Verbindung
der beiden westlichsten Provinzen des römischen
Imperiums erbauen ließ. Jeder, der die Brücke
von Alcantara heute überquert, muss den 14 Meter
hohen Triumphbogen in der Mitte der Brücke durchschreiten
und so dem römischen Kaiser, der selbst aus der
Nähe von Sevilla stammte, Tribut zollen. Bei
all der gut erhaltenen Schönheit tut man das
doch gerne.
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