Wer verstehen möchte, warum Herrscher sich Burgen bauen ließen, sollte nach Pueblo de Alcocer fahren. Das kleine Dörfchen liegt zwischen den Stauseen Orellana und la Serena, etwa eine Dreiviertelstunde mit dem Auto von Merida entfernt. Schon von weitem sieht man die Ritterburg auf dem einsamen Hügel inmitten der Steppenlandschaft liegen. Die Anlage wirkt beeindruckend und furchterregend zugleich. Noch viel stärker als heute muss die Festung diese Wirkung im 15. Jahrhundert gehabt haben. Vorüber fahrende Reisende und die Bewohner der zugehörigen Dörfer achteten und fürchteten den Herrscher, der oben auf dem Berg residierte. Damit hatte der Burgherr eines seiner Ziele erreicht. Die Burg verlieh ihm Macht. Wenn man durch die dicken Mauern des Kastells ins kühle Innere der Anlage steigt und sich an die hohen Zinnen stellt, begreift man schnell auch den zweiten Grund für den Burgbau. Die endlose Steppe der Serena breitet sich von dort oben vor einem aus. Jedes Dorf im weiteren Umkreis ist bestens sichtbar. Selbst einzelne Menschen und ihre Wege sind zu erkennen. Von der Burg aus konnte der Herrscher sein Volk kontrollieren.
Nicht weniger wichtig als Macht und Kontrolle zu erlangen
war die Schutzfunktion der Burg. Viele der mittelalterlichen
Burganlagen lagen auf frei stehenden Anhöhen
ohne den Schutz von Stadtmauern. Daher mussten die
Mauern besonders hoch und breit sein. Dies lässt
sich nicht nur in Alcocer, sondern an mehr als 100
Burgen in den beiden Provinzen der Extremadura
beobachten. Es gilt für Feria, Aceuchal und Los
Arcos, für Hornachos, Medellin, Villalba de los
Barros und viele andere mehr in der Provinz Badajoz.
Und für Arroyo de la Luz und Brozas, für
Eljas und Monroy in der Provinz Caceres. Wer sich
für die Geschichte der Burgen und ihrer Bewohner
interessiert, wird die Extremadura so schnell nicht
verlassen wollen.
Im Fall von Alcocer waren die Herrscher Alcantara-Ritter. Sie erhielten das weite Land der Serena vom König von Kastilien als Dank für den Kampf gegen die Mauren. Der Ritterorden von Alcantara ließ sich noch weitere Festungen bauen, die heute noch besichtigt werden können: Piedrabuena, Alburquerque, Mayorga und Azagala zum Beispiel. Sie liegen nahe der portugiesischen Grenze im Norden von Badajoz. Wenn man sich diese vier Anlagen auf der Karte anschaut, erkennt man, dass sie einen Verteidigungsring bilden. Von dort aus machten sich die Ritter zum Kampf gegen die Mauren auf.
Wenn die Ritter mehrere Schlachten und damit ein Gebiet
verloren hatten, nahmen die neuen Herrscher aus Nordafrika
die Städte ein und ließen diese nach ihren
eigenen Plänen befestigen. Noch heute stehen
einige dieser maurischen Wehranlagen in Merida
und Badajoz. Man nennt sie „Alcazaba“
oder „Alcazar“, das auf Arabisch Festung
bedeutet. Der von den Muslimen erbaute Bujaco-Turm
stammt aus der Zeit der maurischen Herrschaft und
ist das Wahrzeichen der Stadt Caceres. Er ist heute
zugleich Sitz der Touristeninformation.
In der Extremadura kann man sehr gut erkennen, wie sich der Burgenbau im Laufe der Jahrhunderte vom freien Feld in die Städte verlagerte. Ab dem Spätmittelalter verließen die Fürsten ihre einsamen Sitze und näherten sich den großen Siedlungen. Dafür mussten sie den Stadtbewohnern Mitspracherechte zugestehen. Prächtige Stadtpaläste und reiche Bürgerhäuser in Badajoz, Caceres, Merida und Trujillo zeugen noch heute von dieser Entwicklung. Für den Herrscher konnte sich dies nur auszahlen. Die Bürger verteidigten fortan ihren eigenen Lebensraum, wenn sie angegriffen wurden – und damit den Herrscher gleich mit. |